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Tabus, Kunst und Watzlawick

Veröffentlicht am 24. Juli 2012 Schreibe einen Kommentar

Im Sommersemester 2012 habe ich ein Seminar geleitet mit dem Titel „Sprache, Kommunikation und Bewusstsein“. Ein spannendes Thema, was zu ebenso spannenden Diskussionen in den Sitzungen führte.  Um nachhaltig an den ganzen Gedanken festzuhalten, schreibe ich regelmäßig Zusammenfassungen der Sitzungen. Hier ist eine davon.

Darüber spricht man nicht!

Tabus bringen uns an unsere Grenzen. Für jeden gibt es ein anderes Tabu, das durch eine Unmöglichkeit des Darüberredens gekennzeichnet ist 10 Fragen haben meinen Kurs (und mich) herausgefordert, die eigenen Tabus zu erkennen und die eigene und fremde Reaktion darauf zu hinterfragen.

Haben Sie sich in dieser Woche schon selbst befriedigt?

Sexuelle Themen unterliegen gesellschaftlichen Tabus. Über das, was man im Bett tut (oder auch nicht) wird nicht gesprochen in der Öffentlichkeit. Der Mantel des sprachlichen Schweigens umhüllt unsere Gedanken und Taten. Ja oder Nein waren die einzigen Antwortmöglichkeiten auf die obige Frage. Ähnlich wie bei Garfinkels Brechungsexperimenten (Gewohnheiten werden bewiesen, indem man sie annimmt und dann bewusst bricht, zum Beispiel das Distanzverhalten während des Miteinanderredens) werden durch die Fragen des Tabu-Studenten die Grenzen aufgezeigt, die sonst zwar allgemein, da konventionell bekannt sind, aber über die, per se, nicht gesprochen wird. Das hat mit Gesichtsverlust, Entblößung und sozialer Angst vor einem schlecht Dastehen zu tun. Konzeptionelle Angst vor Peinlichkeit, das ist es, was uns hemmt, in allen Bereichen die faktische Wahrheit zu sagen. Mit einer Ausnahme: Extremsituationen setzen gesellschaftliche und private Tabus außer Kraft. Wer wirklich Angst hat, der überlegt nicht ob es peinlich sein könnte über seine Körpersäfte zu reden. Wer ein notwendige Funktion im Mitteilen von Tabus sieht, wird sich von „darüber spricht man nicht“ wenig beeindrucken lassen. Extremsituationen verringern die sozialgesellschaftliche Fallhöhe. Tabus verändern sich mit den Menschen, die mit ihnen leben.

Werk im Netz

Ebenso verändert sich unsere Wahrnehmung von bestehenden, als fest angenommenen Strukturen. Zum Beispiel dann, wenn technische Veränderungen auftauchen. Was macht das Internet mit unserem Urheberrecht? Welchen künstlerischen Stellenwert haben Texterschaffungen, die online und damit weltweit zugänglich sind? „Solange Kopieren einfacher ist als kaufen, wird das eine dem Anderen vorgezogen werden“, war eine Meinung. Solange wir den tatsächlichen Wert von Kunst nicht anerkennen, werden wir auch keine Kunst erfahren, ist meine Meinung. Interessant war hierzu die Anmerkung, dass die aktuellen Entwicklungen bestehende Grundlagen anzweifeln lassen. Urheberrecht im bestehenden Sinne muss neu überdacht werden, vielleicht in Form einer „Kulturflat“. Die Bedeutungen und Begriffe der alten Tage müssen mit neuen, passenden Inhalten belegt werden. Auch das ist die Aufgabe der Sprache: Self-Actualization.

Wir kommunizieren immer und überall

Selbst-Aktualisierung bedeutet auch, die Adäquatheit des Ausdrucks anzugehen. Nach Watzlawicks These können wir nicht nicht kommunizieren. Mit jeder Bewegung, jeder mimischen Äußerung, jedem kleinen Wink übermitteln wir Informationen. Die sehr allgemeine Definition von „Kommunikation“ bringt für mich im ersten Moment „nur“ die Erkenntnis, dass wir sehr viel mehr Signale aussenden als wir bewusst wahrnehmen. Es zeigt aber auch, dass unsere Ausdrucksfähigkeit genauso wie unsere Ausdrucksnotwendigkeit beschränkt sind. Unsere Sprache hat eine Grenze. Genau so wie unsere Wahrnehmung. Watzlawick zeigt uns also, dass wir mehr sagen als wir sagen. Und dass unsere Wahrnehmungen geprägt sind von den Umfeldern, in denen wir agieren und dass wir die Wahrnehmung nur erweitern können, wenn wir uns außerhalb der gegebenen Bereiche bewegen.

Damit kann ich mich dann wiederum sehr gut anfreunden. Sprachlichen Horizont erweitern. Und damit den der Wahrnehmung. Wir können unsere eigene Welt nur dann zu etwas Besserem verändern und offen sein für anderes, wenn wir Veränderungen erkennen und zulassen. Und das ist einfacher als man denkt. Es reicht die einfache Frage…..

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