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Wortknigge: Man sollte nicht

Veröffentlicht am 15. Februar 2013 Schreibe einen Kommentar

Das schlechte Gefühl drumherum

Ich habe mich oft gefragt, warum ich aus manchen Gesprächen oder manchen Situationen mit einem unguten Gefühl gegangen bin, obwohl doch eigentlich alles ganz normal erschien. Oder warum ich mich schlecht fühlt, obwohl ich eigentlich nichts Schlimmes gemacht habe. Eigentlich habe ich gar nichts gemacht. Und trotzdem. Irgendeine Laus nagt an der Leber, irgendein anderes Tier trampelt über die Niere, irgendein Floh setzt sich ins Ohr und flüstert „Buuuuuuuuh“. Und zwar nicht das Gespenster-Buhu, sondern das Ausbuh-Buuuuuuh.

Gesetze des Sollens

Und dann fiel es mir ein bzw. auf: Ich fühle mich manchmal richtig schlecht, weil ich eins nicht beachtet habe: Die „Man sollte nicht“-Regel. Man sollte in meinem Alter (greisige 29) keine Kleider tragen, die verdächtig viel Haut am Ausschnitt oder den Beinen zeigen. Man sollte sich nicht zu viel bewegen, wenn es draußen warm ist. Man sollte keine Witze machen, wenn man beruflich unterwegs ist. Man sollte dann auch nicht laut lachen, so wie ich. Man sollte nicht noch einmal an dieser Stelle nachfragen, das würde das Gegenüber nerven. Man sollte nicht zuviel erwarten. Man sollte nicht übertreiben. Man sollte nicht dies und nicht das. Ich glaube, manchmal steckt dazwischen sogar ein „Gerade du solltest nicht du selbst sein“.

Erste Reaktion meinerseits: Häh? Warum nicht? Warum soll ich keine kurzen Kleider tragen? Ich mag meine Beine, die sehen gar nicht so schlecht aus. Ich mag das Spiel mit den Grenzen der Biedermeier-Konvention, ich mag es, zu verwirren und ich mag es, wenn man die schwarze Spitze am Ausschnittsrand leicht erkennt. Das hat nichts mit Verführung zu tun, das ist ein einfaches „Mir gefällt das so. Genau so!“

Warum sollte ich keine Witze machen, ich, als Frau? Und laut lachen? Ich find das herrlich! Meine Lache ist laut und dreckig und bei Bedarf dauerhaft aktiv.

Warum sollte ich nicht übertreiben? Wer sagt denn, dass meine Welt die übertriebene ist? Vielleicht ist meine die richtige? Und selbst, wenn nicht, so what? Kann man überhaupt zuviel erwarten? Ich erwarte, dass sich die Welt zum Besseren ändert. Wie kann das zuviel verlangt sein? Ich verlange nicht, dass alle in den Straßen rückwärts gehen. Dann würde mein Freund nicht mehr auffallen oder müsste sich etwas neues einfallen lassen, für das ich ihn noch mehr lieben werde. Aber ich verlange, ich erwarte, dass sich die Welt während meiner Lebenszeit zum Besseren entwickelt. Und ich möchte dazu beitragen. Irgendwie. Und wenn ich nur einen Menschen dabei unterstützen kann, seinen Weg zu gehen. Oder zwei. Oder zehn. Oder hundert. Warum denn nicht?

Menschen, die dafür zuständig sind, Informationen preis zu geben. Warum sollte ich die nicht noch mal anrufen, wenn sie es beim ersten Mal nicht geschafft haben, alle meine Fragen zu beantworten? Und dann fiel es mir wie Fischschuppen von den Augen: Eigentlich sollte alles genau andersherum sein, damit wir glücklicher werden.

Man sollte mal überhaupt nichts sollen oder genau das Gegenteil wollen

Ein einfaches „Ich verstehe, dass Sie sich Sorgen gemacht haben. Aber alles ist in Ordnung. Und sollte dennoch etwas sein, kommen Sie direkt wieder vorbei. Hier, in meine helfenden Arme“, das genügt doch schon. Klingt übertrieben? Natürlich! Aber trotzdem, was dahintersteckt: Ein einfaches Zuhören und auf den anderen eingehen und damit wirklich seine Bedenken aus dem Weg räumen. Ein einfaches Anerkennen: ok, du hast gerade ganz schön viel im Kopf, und jetzt schauen wir mal, wie wir da drankommen, dass es dir wieder gut geht. Und schwupps, dann lauert eben keine Mieswanze auf der Mauer. Sondern das Wissen, man ist zwar irgendwer, aber irgendwer anders hat mich verstanden.

Und deshalb sollte man nach meiner Sicht nun immer genau das andere wollen und einfordern. Höflich, aber bestimmt.

„Hören Sie sich meine Geschichte an, ich brauche Ihre Hilfe, denn nur Sie, nur Sie ganz allein können mir dabei helfen!“ (Übertreibung…aber wenn Sie das so lesen und sich vorstellen, jemand sagt Ihnen das am Telefon oder im Laden…fühlt sich das in der Bauchgegend nicht unglaublich gut an?)

Andere Sprechen heißt anderes Denken

Es hat eine Weile gedauert, bis ich gesehen habe, dass unsere sprachliche Darstellung von Dingen, die man gesellschaftskonventionell ausgedacht hat, mein ungutes Gefühl ausgelöst hat. Aber genauso, wie ein „man sollte nicht“ etwas Ungutes erzeugen kann, so kann ein „man sollte auf jeden Fall“ etwas Gutes bewirken. Man sollte auf jeden Fall seinen Ideen folgen und sich selbst jeden Tag dafür anerkennen, dass man seine Idee ein Stück weitergetragen hat. Man sollte auf jeden Fall allen seinen Freundinnen und Freunden ab und zu, immer, dauerhaft sagen oder zeigen, dass sie etwas ganz Besonders im eigenen Leben sind. Man sollte auf jeden Fall Feiern, dass man die Röcke kurz, die Lache laut, die Witze derb, das Denken groß, das Leben so hat, wie man es halt hat.

Man sollte. Ich sollte. Ach, scheiß drauf. Ich mach jetzt einfach.

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