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Sprache und Ästhetik

Veröffentlicht am 15. Februar 2013 Schreibe einen Kommentar

26.04.2012

 

Sprache und ästhetisches Bewusstsein

Gestern hat mein dreiteiliger Kurs zu Sprache und ästhetischem Bewusstsein begonnen. Wie bei allen Themen, die mich zwar schon länger beschäftigt haben, in die ich aber noch nicht tief eingetaucht bin, befrage ich zuerst mein Lexikon (Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie). Wenn ich dann ausreichend mit Fragezeichen versorgt bin, hilft mir mein Freund Google weiter. Mich interessiert zuerst immer die Frage, was passiert, wenn ich einen Begriff google? Ich weiß, dass das Suchergebnis nicht unbedingt etwas mit der allgemeinen Auffassung zu tun hat, aber in der Regel trifft Google in meine Erwartungen.

Mein Freund Google

Naja, dies mal nicht. Ich dachte, wenn ich Bildersuche „Ästhetik“ eingebe, dann werden mir allerlei bedeutsame Kunstwerke, Designobjekte und Gedichtbände angezeigt. Doch weit, weit, weit gefehlt! Das allererste Bild (Stand 25.04.2012) war ein Foto eines Menschen mit Tätowierungen, Ringen, Knubbeln im und unter dem Gesicht. Sogenannte „Faciale Ästhetik“. Ich musste lachen und weinen. Doch was danach kam, war nicht weniger verwunderlich. Oder vielmehr zeigte es mir, dass ich mich schön in meiner wissenschaftlichen Definitionsblase bewegt hatte, während der Rest der Welt sich ein eigenes Bild von Ästhetik kreierte.

Bis zu den ersten „schönen“ Dingen arbeitete ich mich durch tausende Bilder von Zahnersätzen, Gesichtsmodellagen und Frauenlächeln. Die ästhetische Dental-Chirurgie hat sich an die Google-Spitze der Bildersuche gesetzt! Ich war entsetzt! Wo waren denn all die großartigen Gemälde, die harmonischen Bauten der Renaissance, die Formenlehre des Bauhaus! Wo warst du, Kultur?

Das Leben mit alten Begriffsmeinungen

Ich stellte also fest: Mein Verständnis von Ästhetik als Begriff hatte in der Online-Welt nicht überlebt. Da half nur gezieltes Suchen. Puh! Zum Glück! Ich fand „meine“ Ästhetik. Ich begriff aber auch: Ästhetik wird oftmals gleichgesetzt und verwechselt mit Schönheit. Dabei hat die eigentliche Bedeutung erst mal eine neutrale Formulierung: Sinnliche Wahrnehmung. Etwas mit allen Sinnen genießen ist ästhetisch. Das bedeutet aber auch, dass Ästhetik etwas sehr subjektiv empfundenes ist. Gibt es keine ästhetischen Universalien? Oder ist Ästhetik eine beständige Größe, eine Entität?

Frage – Gegenfrage

Mir stellen sich bei einer Frage ja grundsätzlich mehr Gegenfragen, als ich Antworten liefern kann. Eine prägnante Frage war: Wenn ich Ästhetik als solche jetzt, zu diesem Zeitpunkt, nicht erfassen kann, dann kann ich vielleicht über das Bewusstsein für Ästhetik sprechen. Ein Bewusstsein dafür, dass etwas hinter der sichtbaren Oberfläche liegt. Etwas, das außerhalb der a priori-Wahrnehmung im Gegenstand gelegen ist. Ich habe für mich das ästhetische Bewusstsein definiert als Wille oder Wunsch, eine Sache vollständig begreifen zu wollen. Also in der Grundbedeutung von Ästhetik. Und das kann man lernen. Also die Details zu sehen. Je mehr man weiß und je mehr man erfährt, desto genauer kann man die Ästhetik erkennen und beschreiben. Dafür muss man sich natürlich auf das, was einen umgibt, einlassen.

Am Ende waren für mich mehr Fragezeichen im Raum als Ausrufezeichen. Aber so mag ich es. Es ist ein Prozess des Verstehens bzw. des Verstehenwollens. Da bin ich am Anfang immer aufgewühlt und kopfwirrwarrig.

Eine Kursteilnehmerin beschrieb diesen Prozess eigentlich sehr treffend: Ich sehe die Rose und ich sehe die Farbe Rot. Aber ich sehe noch nicht die rote Rose.

Authentisch gleich ästhetisch?

Wie kann denn Sprache nun ästhetisch sein? Und wie kann ich meine eigene Sprachwirkung näher zu dem bringen, was ich wirklich aussagen möchte? Ich fand diese Idee unglaublich spannend, dass Sprache genau dann ästhetisch ist, wenn sie authentisch ist. Und das nicht in einem literarischen Sinne, sondern bezogen auf den Alltag.

Aus meiner Sicht, als eine Perspektive, in der Sprache nicht nur aus wissenschaftlicher und beruflicher Perspektive im Zentrum steht, sondern aus meiner Sicht, die ich selbst immer noch auf der Suche bin, das Eigene im Einklang mit dem zu bringen, was von anderen wahrgenommen wird, also, um es kurz zu machen: Das ist ein langer Weg der Selbstreflexion. Er ist nicht unmöglich, auf keinen Fall! Aber seine eigene Sprache zu finden, in einer Umgebung, die suggeriert, wir müssten dieses und jenes tun, wir müssten so und so aussehen und das und das kaufen, um glücklich zu werden, da ist es eine ehrenvolle, und deshalb ausdauernde Arbeit. Nichtsdestotrotz: Der Weg lohnt sich! Denn wer sprachlich bei sich ist, ist, vermutlich, auch sonst bei sich. Und wenn ich in meinem kurzen Dasein als Freiberuflerin etwas gelernt habe, dann ist es das:

Authenticity sells!

Authentizität ist das, was einen hervorstechen lässt. Sie ist das, was einen besonders macht. Denn wir sind besonders, jeder von uns für etwas anderes, für jemand anderen.

Ich denke nun intensiv darüber nach, wie ich in 90 weiteren Minuten die Wirkung von Sprache und eine gewisse Optimierung erklären und erkennbar machen kann. Es ist wie Vokabeln-Lernen: Wenn man sich nicht hinsetzt und etwas dafür tut, dann wird das nichts (Ausnahmen bestätigen die Regel). Aber das ist ein verdammt spannendes Langzeit-Projekt: Wie sich durch permanente Selbst- und Fremdreflexion die Sprache zu einer eigenen, richtigen, ästhetisch weil authentischen Version entwickelt.

Ich würde sagen: Challenge accepted!

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