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Monthly Archives: Februar 2013

Das Bild der Bildung

Veröffentlicht am 22. Februar 2013 2 Kommentare Themen: , , , ,

Diskurs zwischen Dennis Przystow und mir. Auf ständiges Selbst sein und die Frage, wie Arbeit heute aussieht oder aussehen kann, stellt sich mir die ergänzende Frage, wie eigentlich unsere Bildung aussieht.

Eine stark gekürzte Einschätzung.

 

Seit ein paar Jahren bin ich als Dozentin tätig. Fast vier. Davor war ich Jugendtrainerin, Nachhilfelehrerin, Schülervertreterin. Immer wieder bin ich in Lehr-und Lernkontexten unterwegs und immer häufiger stelle ich mir die Frage: Was passiert da eigentlich, in unserer Bildung, mit unserem Bildungswesen? Wie bilden wir unseren Nachwuchs aus, was heißt das für unsere Gesellschaft in 10, 20 Jahren? Wo soll das eigentlich alles hinführen?

Um meine Schlussfolgerung vorweg zu nehmen: Ich bin der Überzeugung, dass wir Wissen nicht richtig vermitteln und dass wir auf die falschen Komponenten setzen. Damit ich nicht missverstanden werde: Fachwissen ist unumgänglich! Zu wissen, wie man richtig zitiert hilfreich, sauberes Formulieren und wissenschaftliche forschen eine erlernbare Kunst. Ich zweifle nicht an den Gegenständen an sich. Aber ich wehre mich dagegen, dass Wissen nicht mit Spaß und vor allem mit persönlichem Erfolg und noch vor allemner mit wirtschaftlicher Einsetzbarkeit zu tun haben darf, kann. Für mich ist die Möglichkeit, das zu machen, was einem liegt, was wir alle unbedingt irgendwo in uns drin haben, der Drang zur Verwirklichung, das bekommt von mir die oberste Priorität. Dass das nicht immer klar ist, verstehe ich nur allzu gut. Dafür werden wir seit dem Kindergarten, spätestens jedoch seit der Grundschule dazu erzogen, unsere Eigenarten in die Masse anzupassen. Noch mal: Keine Kritik an den einzelnen ausführenden Personen. Ich zweifle nicht an fähigen, einfühlsamen PädagogInnen. Ganz im Gegenteil. Ich bezweifle das System der Langeweile. Der Konformität. Der Egalität. Wir sind nicht alle gleich. Grundgesetzlich, ja! Aber unsere Fähigkeiten unterscheiden sich von klein auf.

Wenn wir also in einer aufgeklärten Westwelt leben, in der uns alle Türen und Tore offen stehen, dann frage ich mich, warum ich in meinen Seminaren an der Uni noch immer zu hören bekomme: Ich studiere auf Lehramt, weil ich sonst keine Kinder finanzieren kann. Weil ich jetzt schon weiß, welche Rente ich bekommen werde, ich denke, ich gehe in eine Anstellung, bei uns bekommt man doch eh keinen guten Job.

Mich machen diese Äußerungen nachdenklich und traurig zugleich. Ohne wirklich mit dem Bildungswesen theoretisch mich befasst zu haben, erfahre ich doch, was mit jungen Menschen, voll von Druck und Erschöpfung und Existenzangst, geschieht. Was erwarten wir denn eigentlich?

Natürlich gibt es die Ausnahmen. Die, die alles hinbekommen. „Heißdüsen“ hat mein ehemaliger Mitbewohner diese Leute genannt. Dass sind, mit voller Anerkennung für diese Lebensdisziplin, diejenigen, die schon mit Studienabschluss auf Stellenausschreibungen passen, in denen mind. 9 Monate Volontariat, 3 Jahre Beurfserfahrung in der entsprechenden Branche, kreativ, außergewöhnlich, Organisationstalent, bereit zu Überstunden, überdurchschnittlich engagiert, mit Willen zur Führungskraft steht. Ich war das nicht und ich bin mir sehr sicher, sehr viele Uni-AbgängerInnen und AusbildungsabsolventInnen sind das auch nicht. Und ich finde: das müssen sie auch nicht sein. Nein, sie dürfen es nicht sein! Junge Menschen sollten in keine stellverschraubte Schublade der apriori-Perfektion passen, sie sollten sich weiter entwickeln dürfen. Sie sollten „Fehler“ machen. Jeden Tag. Um zu erleben: es geht weiter. Ich gehe weiter.

copyright: Charles M. Schulz

Wenn ich ein Seminar halte, dann ist mir nicht nur wichtig, dass die Studierenden die Fachbegriffe beherrschen und mir zeigen, dass sie etwas gelernt haben. Mir ist vor allem wichtig, dass sie etwas über sich gelernt haben und dass sie im Austausch festgestellt haben: da geht noch mehr. Da geht noch mehr! Mut und Selbstbewusstsein, das sind für mich die wichtigsten Güter. Das Wissen kommt dann, ich übertreibe, wie von selbst. Aber ich bin überzeugt davon, dass der Wille zu Lernen, und zwar oberflächlich wie auch tief wissenschaftlich, dann von selbst kommt, wenn ich das richtige Thema für mich gefunden habe. Ich sage (noch) nicht: schafft die Unis ab! Ich sage aber: Gebt Studierenden, SchülerInnen, DozentInnen die zusätzliche Möglichkeit, die Neugier auf ihr Fach zu erhalten oder neu zu erwecken und selbst zu erfahren, wie sie ihr Fachwissen individuell einsetzen können, um erfolgreich zu sein.Gelangweilte Menschen sind der Stillstand eines jeden Systems. Politische Revolution mit gelangweilten Menschen? Geht nicht. Gibts nicht.

Was für jede Arbeit gelten sollte, setzt also schon früher an: Auch unsere Bildung und wie wir mit ihr umgehen zeigt uns, wo wir eigentlich gerade stehen. Wir sind eine Dienstleistungsgesellschaft. Aber wie kann ich mich selbst anerkennen, wenn die Leistung des Dienstes, des Service so entwürdigt wird, wenn der Titel mehr wert ist als das tatsächliche Handeln? Wo kommen wir da eigentlich hin?

 

 

Sich entscheiden

30.03.2012

 

Beiträge aus dem Leben

von amelie hauptstock

Sich zu entscheiden heißt, eine Menge Alternativen mit einem Schlag abzutrennen. Sich für EINE Sache entscheiden heißt, sich gegen VIELE andere entscheiden. Natürlich fällt das schwer. Natürlich möchte man am Liebsten alles haben. Ja und Nein. Entweder und Oder. Wenn und Aber. Doch das geht eben nicht. Es gibt nur eine Wahl.

Entscheiden heißt Verantwortung übernehmen

Sich für eine Sache entscheiden heißt auch, Verantwortung zu übernehmen, für seine Entscheidung und für die mitziehenden Konsequenzen seiner Entscheidung. Auch das ist nicht leicht. Selbst bei der Wahl des Kaffees bei Starbucks müssen wir uns entscheiden: Mit Milch oder ohne, fettarm, Soja oder Vollmilch, Tee oder Kaffee, mit Aroma oder ohne, Kalt oder Heiß, alles Entscheidungen, die im ersten Moment lapidar aussehen. Doch sie verursachen dieselben Gedanken wie existentiellere Angelegenheiten wie: Diese Frau oder die andere? Haus bauen oder Wohnung kaufen? Umziehen oder bleiben? Kinder oder keine Kinder? Springen oder nicht Springen? Die Konsequenzen dieser Auswahl scheinen elementarer, größer, bedeutsamer zu sein. Aber im Wesentlichen ist es das nicht. Nur das, je existentieller die Entscheidung, potentiell mehr Menschen aus der Umgebung darauf reagieren. Und die meisten bombardieren uns mit ihren eigenen, unentschiedenen Zweifeln.

Was ich nicht meine, sind ernste Besorgnisse wie Eltern sie haben. Auch nicht aufrichtige Bedenken von Freunden. Ich meine projizierte Unsicherheit, Angst, Unzufriedenheit, Abneigung gegen sich selbst. Ich bin kein Tablett, auf mir kann man das nicht abstellen. Ich bin aber manchmal ein Auffangbecken. Leider. Daran werde ich arbeiten. Denn dafür habe ich mich entschieden. Ich mich auch dazu entschieden, den Menschen etwas Gutes zu tun, in dem ich ihnen helfe, aus festgefahrenen Situationen auszubrechen, vor allem aus festgefahrenen beruflichen Situationen.

Lieber Job als kein Job

Viele glauben, dass ein schlechter Job besser ist als gar kein Job. Das mag nicht wirklich falsch sein, aber auf Dauer gesehen ist ein schlechter Job tatsächlich schlechter als gar kein Job. Vor allem in Deutschland, wo einem bei gar keinem Job finanziell unter die Arme gegriffen wird. Und ein jahrelang besetzter schlechter Job produziert Missmut, Unzufriedenheit, Ungelenkigkeit, Angst, erhöht den Druck auf sich selbst oder zerstört sogar die eigentlichen Leidenschaften, das, was man eigentlich machen wollen würde, wenn Zeit und Geld keine Rolle spielen würden.

Und auch ein schlechter Job ist eine Entscheidung. Ich entscheide mich damit für weniger Spaß, weniger Ausgefülltheit, weniger Herausforderung, weniger Lebensqualität. Auch wenn es kein schlechtes Geld gibt, aber was nützt das einem, wenn man in den wenigen freien Tagen irgendwo hinfährt mit dem Gedanken, dass man ja leider auch wieder zurückfahren muss? Die Schultern werden schwerer, mit jedem Jahr.

Sich nicht entscheiden heißt schweben – irgendwie

Ich sage das nicht, weil ich das so denke. Sondern weil ich dieselbe Erfahrung gemacht habe. Ich habe schon mein Studium danach entschieden, was am Abstraktesten klingt, so dass ich keine konkrete Berufsentscheidung mit Anfang 20 treffen musste. Durch eine begonnene Promotion verschaffte ich mir eine weitere Verlängerung; ich hatte eine halbwegs gesicherte halbe Stelle an der Uni, hatte einen geregelten Tagesablauf. Ich durfte nicht machen, was ich konnte. Ich durfte noch nicht einmal meine Hände so bewegen wie ich wollte.

Ein Job, der krank machte

Und jeden Morgen habe ich mich aufs Neue gefragt, ob ich mich übergeben oder einfach so zur Arbeit fahren soll. Ich war unglücklich. Und ich wurde krank. Ich bekam annähernd chronische Infektionen, die normalerweise in einer Woche ausheilen, aber sich bei mir drei bis vier Wochen hinzogen. Ich fand es nicht schlimm, denn ich lag mit Attest zuhause und habe von zuhause aus gearbeitet. Ich saß an Rechner und Telefon und habe gearbeitet. Anstatt mich vernünftig zu erholen. So groß war mein schlechtes Gewissen darüber, dass ich krank war.

Um das klarzustellen: es lag nicht an der Arbeit an sich. Sondern an der Unvereinbarkeit mit meinem Eigentlich.

Irgendwann ging es dann nicht mehr. Mein ganzer Spaß war weggesogen, meine Ausgelassenheit war aufgebraucht, mein Elan, die Energie, es fühlte sich an, als ob alles aus mir rausfließen würde, und meine Hülle mit dunklen Augen blieb traurig zurück.

Die Entscheidung zur Veränderung

Dann entschied ich mich gegen eine Unikarriere. Ich entschied mich gegen Zurechtbiegenlassen, gegen das vermeintlich sichere Umfeld. Ich entschied mich für die Arbeitslosigkeit und dann, aus dem Nichts, für die Freiberuflichkeit. Ja, das war gewagt. Ja, das war auch hart. Ist es immer noch, ein halbes Jahr später. Und ja, es wird härter, weil es mehr Menschen gibt, die nicht wollen, dass es funktioniert. Ich habe sehr lange an das unbedingt Gute im Menschen geglaubt. In manchen Menschen erkenne ich das noch. Bei meinem Mann zum Beispiel. Und bei meinen echten Freunden. Auch wenn sich viel Angst und Erfahrung über das Gute gelegt haben. Es ist erkennbar. Aber je länger ich für mich selbst verantwortlich bin, desto mehr bemerke ich, dass auch an sich gute Menschen sich zu schlechten Entscheidungen, Handlungen, Abhängigkeiten hinreißen lassen. Ich sage nicht, dass mein Weg richtig ist. Für mich ist er richtig. Nicht für jeden, auf keinen Fall. Aber mein Weg beinhaltet Unterstützung für diejenigen, die sich auch für sich entscheiden wollen, aber nicht wissen, wie sie das anfangen können. Oder womit. Es beinhaltet Ehrlichkeit und Freundschaft, die nicht fragt, ob das richtig ist, sondern ob es zu einem passt, ob es ehrlich ist. Professionalität in jeder Hinsicht, selbst beim Kaffeekaufen. Menschen nicht zu verurteilen beim ersten Augenblick, sondern ihnen zuzuhören und ihre Geschichte kennenzulernen. Und mit ihnen zu reden anstatt über sie. Das bedeutet Disziplin. Und Arbeit. Aber vor allem bedeutet es für mich Spaß. Und Erfüllung. Denn ich weiß, ich kann etwas verändern, ich kann Menschen bewegen. Das ist meine Entscheidung. Und damit auch meine Verantwortung. Auch dafür habe ich mich entschieden.

Wie sich das anfühlt? Erwachsen. Ehrlich. Gut. Einfach nur gut.

Premierennachruf Ernst&Aber

20.11.2011

Von draußen sieht man nur das sanfte Licht des Kronleuchters und die vielen Kerzen im Café leuchten. Es wird einem sofort klar: Hier ist Raum für etwas Besonderes. Auf einem Tisch liegen Schriftstücke, auf einem anderen ein paar Bücher. Daneben, in der Nähe, steht ein spielbereites Cello. Es ist der Premieren-Abend von Ernst&Aber im Café Chokolat im Dortmunder Kreuzviertel. Ernst&Aber, das sind ein Cello und eine Stimme, ein junger Mann und eine junge Frau, er spielt, sie liest und singt und gemeinsam gehen sie in den selbsterschaffenen Tönen und Texten auf.

 

Ernst&Aber im Café Chokolat

Der Abend beginnt mit einem Cello-Solo und leitet, über klassische Melodien, über zum Lyrikblock. Ruhig erhebt sich

die erzählende Stimme und nimmt ZuschauerInnen mit in Käferwelten, Traumgestalten und konkrete Lückenlyrikwelten. Von hier an und dann weiter, eine Cello-Improvisation, es könnte auch das Leitthema des Abends sein. Von hier an, und dann weiter, so gehen sie, die Texte, die Rhythmen, der Gesang, die vibrierenden Saiten und Seiten. Eine kurze Pause und weiter. Sein Cello wandert über Bach-Sarabanden zu orientalisch anmutenden Improvisationen, gezupfte und gestrichene Bearbeitungen des Instruments, in sich wiederholend und miteinander verhallend. Ihre Stimme fällt ein in die dazwischen aufkommende Ruhe, verbirgt sich hinter minimaler Mimik und schraubt sich kraftvoll durch die gemeinsamen Arrangements. Ein Abend im Leben von Ernst&Aber, freie spontane Textvertonungen inklusive.

Sowie er begonnen hatte, endet der Abend auch, alle hängenden Gedanken werden von Cellountermalung begleitet und ausgeleitet. Die Kerzen brennen noch eine ganze Weile, denn an ein Ende mag man nicht glauben. Eins ist sicher: sie werden wiederkommen, Cello&Lyrik, Ernst&Aber.

 

*hauptwort macht Liebe an Scheiben

29.11. 2011

Ein schöner Abend, oder besser eine geliebschaftete Nacht wars gewesen! Die Fenster trugen die Texte von amelie hauptstock für *hauptwort, und es sah ganz wunderbar aus! Weiße Schrift vor nachtschwarzem Himmel, feiernde Liebhaber und Geliebte…le seufz, ein berauschtes Weihnachstsfeiern!

Bilder gibt es hier: http://www.et-voila.de/fotos/25-12-11-liebschaften

Sprache und Ästhetik

Veröffentlicht am Schreibe einen Kommentar

26.04.2012

 

Sprache und ästhetisches Bewusstsein

Gestern hat mein dreiteiliger Kurs zu Sprache und ästhetischem Bewusstsein begonnen. Wie bei allen Themen, die mich zwar schon länger beschäftigt haben, in die ich aber noch nicht tief eingetaucht bin, befrage ich zuerst mein Lexikon (Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie). Wenn ich dann ausreichend mit Fragezeichen versorgt bin, hilft mir mein Freund Google weiter. Mich interessiert zuerst immer die Frage, was passiert, wenn ich einen Begriff google? Ich weiß, dass das Suchergebnis nicht unbedingt etwas mit der allgemeinen Auffassung zu tun hat, aber in der Regel trifft Google in meine Erwartungen.

Mein Freund Google

Naja, dies mal nicht. Ich dachte, wenn ich Bildersuche „Ästhetik“ eingebe, dann werden mir allerlei bedeutsame Kunstwerke, Designobjekte und Gedichtbände angezeigt. Doch weit, weit, weit gefehlt! Das allererste Bild (Stand 25.04.2012) war ein Foto eines Menschen mit Tätowierungen, Ringen, Knubbeln im und unter dem Gesicht. Sogenannte „Faciale Ästhetik“. Ich musste lachen und weinen. Doch was danach kam, war nicht weniger verwunderlich. Oder vielmehr zeigte es mir, dass ich mich schön in meiner wissenschaftlichen Definitionsblase bewegt hatte, während der Rest der Welt sich ein eigenes Bild von Ästhetik kreierte.

Bis zu den ersten „schönen“ Dingen arbeitete ich mich durch tausende Bilder von Zahnersätzen, Gesichtsmodellagen und Frauenlächeln. Die ästhetische Dental-Chirurgie hat sich an die Google-Spitze der Bildersuche gesetzt! Ich war entsetzt! Wo waren denn all die großartigen Gemälde, die harmonischen Bauten der Renaissance, die Formenlehre des Bauhaus! Wo warst du, Kultur?

Das Leben mit alten Begriffsmeinungen

Ich stellte also fest: Mein Verständnis von Ästhetik als Begriff hatte in der Online-Welt nicht überlebt. Da half nur gezieltes Suchen. Puh! Zum Glück! Ich fand „meine“ Ästhetik. Ich begriff aber auch: Ästhetik wird oftmals gleichgesetzt und verwechselt mit Schönheit. Dabei hat die eigentliche Bedeutung erst mal eine neutrale Formulierung: Sinnliche Wahrnehmung. Etwas mit allen Sinnen genießen ist ästhetisch. Das bedeutet aber auch, dass Ästhetik etwas sehr subjektiv empfundenes ist. Gibt es keine ästhetischen Universalien? Oder ist Ästhetik eine beständige Größe, eine Entität?

Frage – Gegenfrage

Mir stellen sich bei einer Frage ja grundsätzlich mehr Gegenfragen, als ich Antworten liefern kann. Eine prägnante Frage war: Wenn ich Ästhetik als solche jetzt, zu diesem Zeitpunkt, nicht erfassen kann, dann kann ich vielleicht über das Bewusstsein für Ästhetik sprechen. Ein Bewusstsein dafür, dass etwas hinter der sichtbaren Oberfläche liegt. Etwas, das außerhalb der a priori-Wahrnehmung im Gegenstand gelegen ist. Ich habe für mich das ästhetische Bewusstsein definiert als Wille oder Wunsch, eine Sache vollständig begreifen zu wollen. Also in der Grundbedeutung von Ästhetik. Und das kann man lernen. Also die Details zu sehen. Je mehr man weiß und je mehr man erfährt, desto genauer kann man die Ästhetik erkennen und beschreiben. Dafür muss man sich natürlich auf das, was einen umgibt, einlassen.

Am Ende waren für mich mehr Fragezeichen im Raum als Ausrufezeichen. Aber so mag ich es. Es ist ein Prozess des Verstehens bzw. des Verstehenwollens. Da bin ich am Anfang immer aufgewühlt und kopfwirrwarrig.

Eine Kursteilnehmerin beschrieb diesen Prozess eigentlich sehr treffend: Ich sehe die Rose und ich sehe die Farbe Rot. Aber ich sehe noch nicht die rote Rose.

Authentisch gleich ästhetisch?

Wie kann denn Sprache nun ästhetisch sein? Und wie kann ich meine eigene Sprachwirkung näher zu dem bringen, was ich wirklich aussagen möchte? Ich fand diese Idee unglaublich spannend, dass Sprache genau dann ästhetisch ist, wenn sie authentisch ist. Und das nicht in einem literarischen Sinne, sondern bezogen auf den Alltag.

Aus meiner Sicht, als eine Perspektive, in der Sprache nicht nur aus wissenschaftlicher und beruflicher Perspektive im Zentrum steht, sondern aus meiner Sicht, die ich selbst immer noch auf der Suche bin, das Eigene im Einklang mit dem zu bringen, was von anderen wahrgenommen wird, also, um es kurz zu machen: Das ist ein langer Weg der Selbstreflexion. Er ist nicht unmöglich, auf keinen Fall! Aber seine eigene Sprache zu finden, in einer Umgebung, die suggeriert, wir müssten dieses und jenes tun, wir müssten so und so aussehen und das und das kaufen, um glücklich zu werden, da ist es eine ehrenvolle, und deshalb ausdauernde Arbeit. Nichtsdestotrotz: Der Weg lohnt sich! Denn wer sprachlich bei sich ist, ist, vermutlich, auch sonst bei sich. Und wenn ich in meinem kurzen Dasein als Freiberuflerin etwas gelernt habe, dann ist es das:

Authenticity sells!

Authentizität ist das, was einen hervorstechen lässt. Sie ist das, was einen besonders macht. Denn wir sind besonders, jeder von uns für etwas anderes, für jemand anderen.

Ich denke nun intensiv darüber nach, wie ich in 90 weiteren Minuten die Wirkung von Sprache und eine gewisse Optimierung erklären und erkennbar machen kann. Es ist wie Vokabeln-Lernen: Wenn man sich nicht hinsetzt und etwas dafür tut, dann wird das nichts (Ausnahmen bestätigen die Regel). Aber das ist ein verdammt spannendes Langzeit-Projekt: Wie sich durch permanente Selbst- und Fremdreflexion die Sprache zu einer eigenen, richtigen, ästhetisch weil authentischen Version entwickelt.

Ich würde sagen: Challenge accepted!

Freiheit der Worte! Freiheit den Worten!

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25.05.2012

Nicht nur die Gedanken, sondern auch unsere Worte sind frei. Dachte ich. Bis ich feststellte, dass meine Worterfindungen gar nicht von jedem so toll gefunden werden. Extravagieren. Nicht wirklich ein angemessenes Wort, phonetisch zu artverwandt mit anderem Begriff.

Worte, die man sagt, obwohl sie nicht stimmen, wenn man sie sagt

Beschreibungen jenseits von „innovativ“, „hochwertig“ und „qualitativ“ sind gar nicht so gerne gesehen, auch wenn das der Auftrag war. Astra Kid haben mal gesungen: „Man kann keinem Menschen in den Kopf sehen, man kann es nur wenn er mal explodiert.“ Da ist was dran. Ich versuche nun also, den Menschen sprachlich in ihren Kopf zu sehen, ohne dass mein oder ihr Kopf dabei atomare Kleinstaggregatzustände annimmt. Ich versuche das auch im Privaten. Ich verstehe nicht, warum ich mit „nett gemeinten“ Pampigkeiten begrüßt werde und ich das auch noch gut finden soll. In welchem Kopf ist denn so eine Verknüpfung vorhanden? Was sich liebt, das neckt sich? Ja, WAS vielleicht. Aber WER irgendwann nicht mehr, wenn das Necken zum Schrecken wird. Ein schlechter Wortwitz.

Oh weh! Ihr!

Ja, da war ich auch schon mal besser. Über das ganze Wie vermeide ich bestimmte Begriffe-Denken ist meine eigene Freiheit der Worte abhanden gekommen. Es tut mir leid, meine allerliebsten Werkzeuge des Mitteilens, ihr Segelschiffe der Bedeutung, ihr Überbringer freier und unfreier Botschaften, ich kann euch nicht entlassen in eure endgültige Ruhe, in euer bloßes Dasein, das Flirren und zärtlichkeitserzaubernde Wesen, das ihr seid!

Freiheit der Worte, Freiheit den Worten. Für dieses Pfingstwochenende nehme ich mir neologistische, wortverflechtende, kreationsüberufernde Sprachorgasmen vor, an die ich mich selber nicht mehr erinnern werde, so intensiv werden sie sein. Das musste mal raus. Der Worte wegen.

Wortknigge: Man sollte nicht

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Das schlechte Gefühl drumherum

Ich habe mich oft gefragt, warum ich aus manchen Gesprächen oder manchen Situationen mit einem unguten Gefühl gegangen bin, obwohl doch eigentlich alles ganz normal erschien. Oder warum ich mich schlecht fühlt, obwohl ich eigentlich nichts Schlimmes gemacht habe. Eigentlich habe ich gar nichts gemacht. Und trotzdem. Irgendeine Laus nagt an der Leber, irgendein anderes Tier trampelt über die Niere, irgendein Floh setzt sich ins Ohr und flüstert „Buuuuuuuuh“. Und zwar nicht das Gespenster-Buhu, sondern das Ausbuh-Buuuuuuh.

Gesetze des Sollens

Und dann fiel es mir ein bzw. auf: Ich fühle mich manchmal richtig schlecht, weil ich eins nicht beachtet habe: Die „Man sollte nicht“-Regel. Man sollte in meinem Alter (greisige 29) keine Kleider tragen, die verdächtig viel Haut am Ausschnitt oder den Beinen zeigen. Man sollte sich nicht zu viel bewegen, wenn es draußen warm ist. Man sollte keine Witze machen, wenn man beruflich unterwegs ist. Man sollte dann auch nicht laut lachen, so wie ich. Man sollte nicht noch einmal an dieser Stelle nachfragen, das würde das Gegenüber nerven. Man sollte nicht zuviel erwarten. Man sollte nicht übertreiben. Man sollte nicht dies und nicht das. Ich glaube, manchmal steckt dazwischen sogar ein „Gerade du solltest nicht du selbst sein“.

Erste Reaktion meinerseits: Häh? Warum nicht? Warum soll ich keine kurzen Kleider tragen? Ich mag meine Beine, die sehen gar nicht so schlecht aus. Ich mag das Spiel mit den Grenzen der Biedermeier-Konvention, ich mag es, zu verwirren und ich mag es, wenn man die schwarze Spitze am Ausschnittsrand leicht erkennt. Das hat nichts mit Verführung zu tun, das ist ein einfaches „Mir gefällt das so. Genau so!“

Warum sollte ich keine Witze machen, ich, als Frau? Und laut lachen? Ich find das herrlich! Meine Lache ist laut und dreckig und bei Bedarf dauerhaft aktiv.

Warum sollte ich nicht übertreiben? Wer sagt denn, dass meine Welt die übertriebene ist? Vielleicht ist meine die richtige? Und selbst, wenn nicht, so what? Kann man überhaupt zuviel erwarten? Ich erwarte, dass sich die Welt zum Besseren ändert. Wie kann das zuviel verlangt sein? Ich verlange nicht, dass alle in den Straßen rückwärts gehen. Dann würde mein Freund nicht mehr auffallen oder müsste sich etwas neues einfallen lassen, für das ich ihn noch mehr lieben werde. Aber ich verlange, ich erwarte, dass sich die Welt während meiner Lebenszeit zum Besseren entwickelt. Und ich möchte dazu beitragen. Irgendwie. Und wenn ich nur einen Menschen dabei unterstützen kann, seinen Weg zu gehen. Oder zwei. Oder zehn. Oder hundert. Warum denn nicht?

Menschen, die dafür zuständig sind, Informationen preis zu geben. Warum sollte ich die nicht noch mal anrufen, wenn sie es beim ersten Mal nicht geschafft haben, alle meine Fragen zu beantworten? Und dann fiel es mir wie Fischschuppen von den Augen: Eigentlich sollte alles genau andersherum sein, damit wir glücklicher werden.

Man sollte mal überhaupt nichts sollen oder genau das Gegenteil wollen

Ein einfaches „Ich verstehe, dass Sie sich Sorgen gemacht haben. Aber alles ist in Ordnung. Und sollte dennoch etwas sein, kommen Sie direkt wieder vorbei. Hier, in meine helfenden Arme“, das genügt doch schon. Klingt übertrieben? Natürlich! Aber trotzdem, was dahintersteckt: Ein einfaches Zuhören und auf den anderen eingehen und damit wirklich seine Bedenken aus dem Weg räumen. Ein einfaches Anerkennen: ok, du hast gerade ganz schön viel im Kopf, und jetzt schauen wir mal, wie wir da drankommen, dass es dir wieder gut geht. Und schwupps, dann lauert eben keine Mieswanze auf der Mauer. Sondern das Wissen, man ist zwar irgendwer, aber irgendwer anders hat mich verstanden.

Und deshalb sollte man nach meiner Sicht nun immer genau das andere wollen und einfordern. Höflich, aber bestimmt.

„Hören Sie sich meine Geschichte an, ich brauche Ihre Hilfe, denn nur Sie, nur Sie ganz allein können mir dabei helfen!“ (Übertreibung…aber wenn Sie das so lesen und sich vorstellen, jemand sagt Ihnen das am Telefon oder im Laden…fühlt sich das in der Bauchgegend nicht unglaublich gut an?)

Andere Sprechen heißt anderes Denken

Es hat eine Weile gedauert, bis ich gesehen habe, dass unsere sprachliche Darstellung von Dingen, die man gesellschaftskonventionell ausgedacht hat, mein ungutes Gefühl ausgelöst hat. Aber genauso, wie ein „man sollte nicht“ etwas Ungutes erzeugen kann, so kann ein „man sollte auf jeden Fall“ etwas Gutes bewirken. Man sollte auf jeden Fall seinen Ideen folgen und sich selbst jeden Tag dafür anerkennen, dass man seine Idee ein Stück weitergetragen hat. Man sollte auf jeden Fall allen seinen Freundinnen und Freunden ab und zu, immer, dauerhaft sagen oder zeigen, dass sie etwas ganz Besonders im eigenen Leben sind. Man sollte auf jeden Fall Feiern, dass man die Röcke kurz, die Lache laut, die Witze derb, das Denken groß, das Leben so hat, wie man es halt hat.

Man sollte. Ich sollte. Ach, scheiß drauf. Ich mach jetzt einfach.

*hauptwort-Seminare bei der HKBiS

Veröffentlicht am 12. Februar 2013 Schreibe einen Kommentar

Hamburg, im April diesen Jahres.

Mit Materialien zur Authentischen Gesprächsführung bepackt wird sich *hauptwort auf den Weg in den Norden machen, um allen Teilnehmenden einen ganzen Tag lang mit ihrer bisherigen Gesprächsführung vertraut zu machen und Impulse zum aufmerksamen, interaktiven Gestalten „rundlaufender“ Gespräche zu geben.

Man findet diese Kurse hier und hier!

Ich bin sehr gespannt und freue mich auf die Zeit und die Menschen in Hamburg!

 

freiluftlyrik, adaptiert

Der folgende Beitrag ist ein sehr besonderer Moment für mich. Angeregt durch mein Projekt der freiluftlyrik wurden die Studierenden von meiner freidenkenden Kollegin Ina Brauckhoff zu Weiterführenden der Idee. Raus aus dem Gebäude, rein in die Realität, Luft für die Gedanken und Texte. Lyrik soll interaktiv sein und sie braucht den (öffentlichen) Raum, um atmen und sich entfalten zu können.

Der zentrale Gedanke der freiluftlyrik ist: Lyrik ist genau an dem Ort, an dem sie entsteht. Sei es im Café, in der U-Bahn, beim Metzger oder im Kino. Jeder Text hat einen Ort, an dem er zum Vorschein kommt. Nicht ohne Grund haben berühmtere Namen Texte mit Orten verbunden. Und freiluftlyrik nimmt den Ort der Worte ernst.

Mit einiger Rührung und großer, großer Wertschätzung teile ich aus aktuellem Ergebnisanlass die Fotoreihe der Studierenden, nicht ohne Stolz, was aus einer kleinen Idee werden kann, wenn immer mehr Leute sie verfolgen. Mein Dank geht an Ina für ihre Umsetzung!

Ich gebe der Seminarleiterin selbst das Wort für ihre Erfahrungen und Gedanken:

„Freiluftlyrik“ 

Raus aus der Uni, rein ins Schreiberlebnis

Am 17. Dezember 2012 machte ich mich mit 15 Lehramtsstudierende des Hauptseminars „Kreatives Schreiben in der Schreibwerkstatt“, Fakultät für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache der Universität Duisburg-Essen, auf den Weg – raus aus dem Seminarraum, rein in die Essener Innenstadt.

Anregung war das Konzept „Freiluftlyrik“ von Amelie Hauptstock.

In kleinen Gruppen verteilten die Studierenden sich auf mögliche Schreiborte – die einen blieben draußen auf dem Weihnachtsmarkt, in der Fußgängerzone oder an ruhigeren Plätzen, die anderen zog es in den Weihnachtstrubel der Geschäfte oder in die warmen Cafés. Aus der Atmosphäre des jeweiligen Ortes zogen sie Ideen für Gedichte, Geschichten, Kurz- und Kürzesttexte. Ihre Gedanken brachten sie vor Ort zu Papier und ließen sie dort zurück. Nach einer Dreiviertelstunde traf sich die Gruppe wieder am Essener Hauptbahnhof. Erlebt hatten alle etwas. Die Begeisterung war spürbar, Fotos wurden gezeigt, Anekdoten erzählt, erste Überlegungen zu Konsequenzen für die spätere Unterrichtspraxis diskutiert – ein viel lebhafteres Gespräch, als es manchmal im Seminarraum zustande kommt. An einer Litfaßsäule wurde zusammen ein letzter Text geschrieben und aufgeklebt, Schreiben noch einmal kollaborativ erfahrbar.

In der darauffolgenden Seminarsitzung – zurück in der Uni – reflektierten die Studierenden den Schreibausflug. Spaß gemacht hatte es, sich von der direkten Umgebung zum Schreiben anregen zu lassen. Jeder fand schnell Anregungen, die aufs Papier gebracht werden wollten. Manchmal waren die Ideen schneller als der Stift. Aber auch andere Fragen beeinflussten das Schreiben: Wer wird meinen Text lesen? Wird er vielleicht weitergetragen? Oder wird er bald weggeworfen? Wie kurzlebig ist das, was ich hier mache? Und wo verläuft die Grenze zwischen Straßenkunst und Sachbeschädigung?

Der Schreibausflug „Freiluftlyrik“ ist eine der vielen praktischen Erfahrungen, die die Studierenden zu den Einsatzmöglichkeiten und -grenzen kreativer Schreibmethoden im Deutschunterricht sammeln und der verdeutlichte: Universität ist überall da, wo ausprobiert, gelernt und reflektiert wird.

Dass sie mit ihren künftigen Schülern zum Schreiben auch einmal den Klassenraum verlassen möchten, um vor allem wenig schreibbegeisterten Jugendlichen einen Zugang zu einem Medium des Selbstausdrucks zu ermöglichen, da sind sich die meisten sicher. Dass Schreiben im öffentlichen Raum aber immer auch ein Risiko ist, was Sozialkompetenz und Selbstverantwortung sowohl voraussetzt als auch fördert, ist ihnen ebenfalls bewusst.

Ina Brauckhoff

Ich ergänze: Den Freiraum für das eigene Wissen und den eigenen Ausdruck zu haben oder sich zu nehmen und das an andere weiter zu geben, das ist für mich ein wichtiger Bestandteil von ganzheitlicher Ausbildung, auf dem Weg zur Selbstverwirklichung. Mehr Mutige wie Ina Brauckhoff und ihre Studierenden braucht es!