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Tag Archives: Bildung

Das Bild der Bildung

Veröffentlicht am 22. Februar 2013 2 Kommentare Themen: , , , ,

Diskurs zwischen Dennis Przystow und mir. Auf ständiges Selbst sein und die Frage, wie Arbeit heute aussieht oder aussehen kann, stellt sich mir die ergänzende Frage, wie eigentlich unsere Bildung aussieht.

Eine stark gekürzte Einschätzung.

 

Seit ein paar Jahren bin ich als Dozentin tätig. Fast vier. Davor war ich Jugendtrainerin, Nachhilfelehrerin, Schülervertreterin. Immer wieder bin ich in Lehr-und Lernkontexten unterwegs und immer häufiger stelle ich mir die Frage: Was passiert da eigentlich, in unserer Bildung, mit unserem Bildungswesen? Wie bilden wir unseren Nachwuchs aus, was heißt das für unsere Gesellschaft in 10, 20 Jahren? Wo soll das eigentlich alles hinführen?

Um meine Schlussfolgerung vorweg zu nehmen: Ich bin der Überzeugung, dass wir Wissen nicht richtig vermitteln und dass wir auf die falschen Komponenten setzen. Damit ich nicht missverstanden werde: Fachwissen ist unumgänglich! Zu wissen, wie man richtig zitiert hilfreich, sauberes Formulieren und wissenschaftliche forschen eine erlernbare Kunst. Ich zweifle nicht an den Gegenständen an sich. Aber ich wehre mich dagegen, dass Wissen nicht mit Spaß und vor allem mit persönlichem Erfolg und noch vor allemner mit wirtschaftlicher Einsetzbarkeit zu tun haben darf, kann. Für mich ist die Möglichkeit, das zu machen, was einem liegt, was wir alle unbedingt irgendwo in uns drin haben, der Drang zur Verwirklichung, das bekommt von mir die oberste Priorität. Dass das nicht immer klar ist, verstehe ich nur allzu gut. Dafür werden wir seit dem Kindergarten, spätestens jedoch seit der Grundschule dazu erzogen, unsere Eigenarten in die Masse anzupassen. Noch mal: Keine Kritik an den einzelnen ausführenden Personen. Ich zweifle nicht an fähigen, einfühlsamen PädagogInnen. Ganz im Gegenteil. Ich bezweifle das System der Langeweile. Der Konformität. Der Egalität. Wir sind nicht alle gleich. Grundgesetzlich, ja! Aber unsere Fähigkeiten unterscheiden sich von klein auf.

Wenn wir also in einer aufgeklärten Westwelt leben, in der uns alle Türen und Tore offen stehen, dann frage ich mich, warum ich in meinen Seminaren an der Uni noch immer zu hören bekomme: Ich studiere auf Lehramt, weil ich sonst keine Kinder finanzieren kann. Weil ich jetzt schon weiß, welche Rente ich bekommen werde, ich denke, ich gehe in eine Anstellung, bei uns bekommt man doch eh keinen guten Job.

Mich machen diese Äußerungen nachdenklich und traurig zugleich. Ohne wirklich mit dem Bildungswesen theoretisch mich befasst zu haben, erfahre ich doch, was mit jungen Menschen, voll von Druck und Erschöpfung und Existenzangst, geschieht. Was erwarten wir denn eigentlich?

Natürlich gibt es die Ausnahmen. Die, die alles hinbekommen. „Heißdüsen“ hat mein ehemaliger Mitbewohner diese Leute genannt. Dass sind, mit voller Anerkennung für diese Lebensdisziplin, diejenigen, die schon mit Studienabschluss auf Stellenausschreibungen passen, in denen mind. 9 Monate Volontariat, 3 Jahre Beurfserfahrung in der entsprechenden Branche, kreativ, außergewöhnlich, Organisationstalent, bereit zu Überstunden, überdurchschnittlich engagiert, mit Willen zur Führungskraft steht. Ich war das nicht und ich bin mir sehr sicher, sehr viele Uni-AbgängerInnen und AusbildungsabsolventInnen sind das auch nicht. Und ich finde: das müssen sie auch nicht sein. Nein, sie dürfen es nicht sein! Junge Menschen sollten in keine stellverschraubte Schublade der apriori-Perfektion passen, sie sollten sich weiter entwickeln dürfen. Sie sollten „Fehler“ machen. Jeden Tag. Um zu erleben: es geht weiter. Ich gehe weiter.

copyright: Charles M. Schulz

Wenn ich ein Seminar halte, dann ist mir nicht nur wichtig, dass die Studierenden die Fachbegriffe beherrschen und mir zeigen, dass sie etwas gelernt haben. Mir ist vor allem wichtig, dass sie etwas über sich gelernt haben und dass sie im Austausch festgestellt haben: da geht noch mehr. Da geht noch mehr! Mut und Selbstbewusstsein, das sind für mich die wichtigsten Güter. Das Wissen kommt dann, ich übertreibe, wie von selbst. Aber ich bin überzeugt davon, dass der Wille zu Lernen, und zwar oberflächlich wie auch tief wissenschaftlich, dann von selbst kommt, wenn ich das richtige Thema für mich gefunden habe. Ich sage (noch) nicht: schafft die Unis ab! Ich sage aber: Gebt Studierenden, SchülerInnen, DozentInnen die zusätzliche Möglichkeit, die Neugier auf ihr Fach zu erhalten oder neu zu erwecken und selbst zu erfahren, wie sie ihr Fachwissen individuell einsetzen können, um erfolgreich zu sein.Gelangweilte Menschen sind der Stillstand eines jeden Systems. Politische Revolution mit gelangweilten Menschen? Geht nicht. Gibts nicht.

Was für jede Arbeit gelten sollte, setzt also schon früher an: Auch unsere Bildung und wie wir mit ihr umgehen zeigt uns, wo wir eigentlich gerade stehen. Wir sind eine Dienstleistungsgesellschaft. Aber wie kann ich mich selbst anerkennen, wenn die Leistung des Dienstes, des Service so entwürdigt wird, wenn der Titel mehr wert ist als das tatsächliche Handeln? Wo kommen wir da eigentlich hin?

 

 

Was sind uns die Geister wert?

Veröffentlicht am 15. November 2012 Schreibe einen Kommentar Themen: , , , ,

In der FAZ las ich letztens eine erschreckende Nachricht: Das Einstiegsgehalt von MagisterstundentInnen liegt bei gerade einmal rund 2.600 Euro pro Monat und damit belegen sie den letzten Rang der nach Abschlussarten sortierten Gehaltsliste.

Ich bin schockiert! Selbst kurzzeitig Studierte haben uns geisteswissenschaftlich Ausgebildete überholt! Was sagt das über den Stellenwert von Kultur, Literatur, Philosophie, Kunstverständnis unserer Gesellschaft aus? Wie weit sind wir schon gekommen, wenn wir das, was keinen schnellen, sichtbaren, erkennbaren Wert bringt, so wenig wertschätzen? Was passiert mit Generationen an klugen, weltsichtigen Menschen, wenn ihnen dauerhaft vermittelt wird, sie stünden am untersten Ende der Gehaltskette? Ehrlich gesagt möchte ich mich damit gar nicht auseinandersetzen! Am Liebsten würde ich die Augen verschließen und sagen: Alles ist gut! Wir sind ein Land der Dichter und Denker, hier wird man noch in seinem Elfenbeiturm in Ruhe gelassen, hier kann man sich noch darauf verlassen, dass die ZuhörerInnen und LeserInnen und BesucherInnen am Ende der Show applaudieren. Hier ist die Geisteswelt noch in Ordnung.

Mitnichten!

Der Spiegel hat bereits vor drei Jahren bescheinigt, dass GeisteswissenschaflerInnen im Schnitt deutlich weniger verdienen. Gut, in den Führungsetagen sind alle wieder gleich, aber hier verhält es sich wie mit Frauen in Führungsetagen: Man trifft sie dort selten und wenn, dann bekommen sie dennoch weniger Gehalt als männliche oder in diesem Fall nichtgeisteswissenschaftliche Mitstreiter. Die Geisterquote für die Führungsetage? Das wäre nun wirklich zuviel verlangt!

Dennoch geben die statistischen Darstellungen einen Trend wieder, nämlich dass Kunst, Kultur und Angrenzendes einen ideelen Wert hat, der nicht ins Finanzielle umgesetzt wird. Schreiben können ist nicht so viel wert wie eine Maschine bedienen zu können. Reden zu können, gesellschaftliche Zusammehänge erkennen, verstehen, analysieren und verständlich einer breiten Masse zur Verfügung stellen zu können, das ist nicht so viel wert wie das Analysieren von Teilchen. Warum eigentlich nicht? Warum darf ein guter Text nicht genauso gut bezahlt werden? Warum quälen wir uns mit einem Selbstbild, das suggeriert „es sein nun mal so in der Branche“? Warum lehnen wir uns nicht dagegen auf? Warum werden wir nicht wütend?

Ich bin wütend! Und ich rege mich darüber auf und ich lehne mich auch dagegen auf. Ich bin noch nicht am Ende meiner Fähigkeiten angekommen und ich habe noch viel zu lernen, aber ich habe einen Wert, und ich erschaffe Wert. Ich erschaffe Welten mit Worten. Jeder kann schreiben. Ja, aber nicht jeder kann so schreiben wie wir Schreiberlinge. Jeder kann ein Bild angucken. Ja, aber nicht jeder kann die Details erkennen und sie benennen und sie zuordnen und dadurch dem Werk Sinn geben.

Denn das ist unsere Aufgabe: Wir geben der Welt einen zusammenhängenden, übertragbaren Sinn! Wenn das nicht wertzuschätzen ist, dann wird es irgendwann vielleicht keine GeisteswissenschaftlerInnen, sondern nur noch Geister in den Straßen und Cafés und Ohrensesseln und Diskussionsrunden geben. Vielleicht verschwinden dann von der Bildfläche. Vielleicht wird dann klar, wie wichtig Menschen sind, die allgemeinen Sinn herstellen.

Der Link zum FAZ-Artikel: hier