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„Auf der Straße braucht man keine Grammatik“

Veröffentlicht am 24. Juli 2012 Schreibe einen Kommentar

Folgender Link erreichte mich heute per Mail (danke an Torsten):

http://www.tagesschau.de/inland/kiezdeutsch100.html

Den Titel des heutigen Eintrags hier habe ich aus dem Beitrag, ein Zitat von einem der Kiezdeutschsprechern. Ich finde das eine starke Aussage, die so ziemlich den Kern von Diskussionen über Sprachverfall, den (schlechten) Einfluss von zugewanderten Sprachen und altdichterische Rhetorikwundertüten trifft. Wer das heutige Straßendeutsch (nicht nur in Mannheim) mit Goethe und Schiller vergleicht und sich auf deren Geniusposition beruft, der vergleicht Unvergleichbares miteinander. Denn Faust, Die Räuber, Emilia Galotti, all die Balladen, Gedichte, etc. pp sind geschriebene Sprachzeugen, keine gesprochenen. Unser Straßendeutsch, also das gesprochene Deutsch hingegen hat ganz andere Voraussetzungen. Es muss schneller, kürzer, direkter sein, denn unser Arbeitsspeicher im Kopf kann eh nicht mehr als 4 Sekunden Information speichern. Alles darüber hinaus wird aus der Erinnerung abgerufen. Und Erinnerungsarbeit ist anstrengend und fehlerhaft. Es ist also überhaupt nicht sinnvoll zu sagen: „Mein lieber Freund, ich möchte mir dir sehr gerne ins Kino gehen, wie wäre das? – Oh, das wäre sehr schön, danke!“ Viel pragmatischer und wirkungsvoller ist die Version:“ Heute Kino? – Voll!“

Es ist eine andere Sprachversion als die literarischen Schriften in unseren wohlgeformten Büchern. De facto erkennen wir an den Büchern aber nicht mit voller Sicherheit, wie Goethe und Co. gesprochen haben. Alles Gerede in den Büchern ist noch immer rhetorisch, literarisch überarbeitet.

Kudiwg Eichinger sagt es in dem Beitrag sehr diplomatisch: Die Kreativität des Gesprochenen, des Straßendeutsch, ist ein wichtiger Bestandteil sprachlichen Fortschritts. Nur durch diese Einflüsse kann Sprache sich den aktuellen gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen. Das muss sie auch, da wir als Teil sozialer Gefüge darauf angewiesen sind, uns präzise zu verständigen. Kiezdeutsch, Türkenslang und ähnliche Sprachentwicklungen zeigen ganz klar, wo Defizite sind. Wenn es keine vernünftige Integration gibt und wir die Verantwortung dafür immer dem anderen in die Schuhe schieben, dann setzen die Betroffenen es kreativ um, indem sie eine eigene Sprache entstehen lassen, mit der sie in eine Art Zwischenwelt eintauchen. Der Ausdruck ihrer von oben zugeschriebenen Position.

Deswegen sollte man nicht über die Sprachvariation fluchen, sondern sich fragen, woher sie kommt, welche gesellschaftlichen Ursachen sie hat und was das über uns als „Integrationsland“ aussagt. Lieber an die eigene Nase fassen als mit dem Finger auf andere zeigen.

Auf der Straße braucht man keine Grammatik. Da braucht man einen Weg der Verständigung.

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