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Sich entscheiden

30.03.2012

 

Beiträge aus dem Leben

von amelie hauptstock

Sich zu entscheiden heißt, eine Menge Alternativen mit einem Schlag abzutrennen. Sich für EINE Sache entscheiden heißt, sich gegen VIELE andere entscheiden. Natürlich fällt das schwer. Natürlich möchte man am Liebsten alles haben. Ja und Nein. Entweder und Oder. Wenn und Aber. Doch das geht eben nicht. Es gibt nur eine Wahl.

Entscheiden heißt Verantwortung übernehmen

Sich für eine Sache entscheiden heißt auch, Verantwortung zu übernehmen, für seine Entscheidung und für die mitziehenden Konsequenzen seiner Entscheidung. Auch das ist nicht leicht. Selbst bei der Wahl des Kaffees bei Starbucks müssen wir uns entscheiden: Mit Milch oder ohne, fettarm, Soja oder Vollmilch, Tee oder Kaffee, mit Aroma oder ohne, Kalt oder Heiß, alles Entscheidungen, die im ersten Moment lapidar aussehen. Doch sie verursachen dieselben Gedanken wie existentiellere Angelegenheiten wie: Diese Frau oder die andere? Haus bauen oder Wohnung kaufen? Umziehen oder bleiben? Kinder oder keine Kinder? Springen oder nicht Springen? Die Konsequenzen dieser Auswahl scheinen elementarer, größer, bedeutsamer zu sein. Aber im Wesentlichen ist es das nicht. Nur das, je existentieller die Entscheidung, potentiell mehr Menschen aus der Umgebung darauf reagieren. Und die meisten bombardieren uns mit ihren eigenen, unentschiedenen Zweifeln.

Was ich nicht meine, sind ernste Besorgnisse wie Eltern sie haben. Auch nicht aufrichtige Bedenken von Freunden. Ich meine projizierte Unsicherheit, Angst, Unzufriedenheit, Abneigung gegen sich selbst. Ich bin kein Tablett, auf mir kann man das nicht abstellen. Ich bin aber manchmal ein Auffangbecken. Leider. Daran werde ich arbeiten. Denn dafür habe ich mich entschieden. Ich mich auch dazu entschieden, den Menschen etwas Gutes zu tun, in dem ich ihnen helfe, aus festgefahrenen Situationen auszubrechen, vor allem aus festgefahrenen beruflichen Situationen.

Lieber Job als kein Job

Viele glauben, dass ein schlechter Job besser ist als gar kein Job. Das mag nicht wirklich falsch sein, aber auf Dauer gesehen ist ein schlechter Job tatsächlich schlechter als gar kein Job. Vor allem in Deutschland, wo einem bei gar keinem Job finanziell unter die Arme gegriffen wird. Und ein jahrelang besetzter schlechter Job produziert Missmut, Unzufriedenheit, Ungelenkigkeit, Angst, erhöht den Druck auf sich selbst oder zerstört sogar die eigentlichen Leidenschaften, das, was man eigentlich machen wollen würde, wenn Zeit und Geld keine Rolle spielen würden.

Und auch ein schlechter Job ist eine Entscheidung. Ich entscheide mich damit für weniger Spaß, weniger Ausgefülltheit, weniger Herausforderung, weniger Lebensqualität. Auch wenn es kein schlechtes Geld gibt, aber was nützt das einem, wenn man in den wenigen freien Tagen irgendwo hinfährt mit dem Gedanken, dass man ja leider auch wieder zurückfahren muss? Die Schultern werden schwerer, mit jedem Jahr.

Sich nicht entscheiden heißt schweben – irgendwie

Ich sage das nicht, weil ich das so denke. Sondern weil ich dieselbe Erfahrung gemacht habe. Ich habe schon mein Studium danach entschieden, was am Abstraktesten klingt, so dass ich keine konkrete Berufsentscheidung mit Anfang 20 treffen musste. Durch eine begonnene Promotion verschaffte ich mir eine weitere Verlängerung; ich hatte eine halbwegs gesicherte halbe Stelle an der Uni, hatte einen geregelten Tagesablauf. Ich durfte nicht machen, was ich konnte. Ich durfte noch nicht einmal meine Hände so bewegen wie ich wollte.

Ein Job, der krank machte

Und jeden Morgen habe ich mich aufs Neue gefragt, ob ich mich übergeben oder einfach so zur Arbeit fahren soll. Ich war unglücklich. Und ich wurde krank. Ich bekam annähernd chronische Infektionen, die normalerweise in einer Woche ausheilen, aber sich bei mir drei bis vier Wochen hinzogen. Ich fand es nicht schlimm, denn ich lag mit Attest zuhause und habe von zuhause aus gearbeitet. Ich saß an Rechner und Telefon und habe gearbeitet. Anstatt mich vernünftig zu erholen. So groß war mein schlechtes Gewissen darüber, dass ich krank war.

Um das klarzustellen: es lag nicht an der Arbeit an sich. Sondern an der Unvereinbarkeit mit meinem Eigentlich.

Irgendwann ging es dann nicht mehr. Mein ganzer Spaß war weggesogen, meine Ausgelassenheit war aufgebraucht, mein Elan, die Energie, es fühlte sich an, als ob alles aus mir rausfließen würde, und meine Hülle mit dunklen Augen blieb traurig zurück.

Die Entscheidung zur Veränderung

Dann entschied ich mich gegen eine Unikarriere. Ich entschied mich gegen Zurechtbiegenlassen, gegen das vermeintlich sichere Umfeld. Ich entschied mich für die Arbeitslosigkeit und dann, aus dem Nichts, für die Freiberuflichkeit. Ja, das war gewagt. Ja, das war auch hart. Ist es immer noch, ein halbes Jahr später. Und ja, es wird härter, weil es mehr Menschen gibt, die nicht wollen, dass es funktioniert. Ich habe sehr lange an das unbedingt Gute im Menschen geglaubt. In manchen Menschen erkenne ich das noch. Bei meinem Mann zum Beispiel. Und bei meinen echten Freunden. Auch wenn sich viel Angst und Erfahrung über das Gute gelegt haben. Es ist erkennbar. Aber je länger ich für mich selbst verantwortlich bin, desto mehr bemerke ich, dass auch an sich gute Menschen sich zu schlechten Entscheidungen, Handlungen, Abhängigkeiten hinreißen lassen. Ich sage nicht, dass mein Weg richtig ist. Für mich ist er richtig. Nicht für jeden, auf keinen Fall. Aber mein Weg beinhaltet Unterstützung für diejenigen, die sich auch für sich entscheiden wollen, aber nicht wissen, wie sie das anfangen können. Oder womit. Es beinhaltet Ehrlichkeit und Freundschaft, die nicht fragt, ob das richtig ist, sondern ob es zu einem passt, ob es ehrlich ist. Professionalität in jeder Hinsicht, selbst beim Kaffeekaufen. Menschen nicht zu verurteilen beim ersten Augenblick, sondern ihnen zuzuhören und ihre Geschichte kennenzulernen. Und mit ihnen zu reden anstatt über sie. Das bedeutet Disziplin. Und Arbeit. Aber vor allem bedeutet es für mich Spaß. Und Erfüllung. Denn ich weiß, ich kann etwas verändern, ich kann Menschen bewegen. Das ist meine Entscheidung. Und damit auch meine Verantwortung. Auch dafür habe ich mich entschieden.

Wie sich das anfühlt? Erwachsen. Ehrlich. Gut. Einfach nur gut.

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