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Monthly Archives: Januar 2013

Die Konfrontation mit dem Selbst. Ständig.

Veröffentlicht am 27. Januar 2013 1 Kommentar Themen: , , ,

Dieser Beitrag geht einem Beitrag von Dennis Przystow voraus, der noch nicht veröffentlicht wurde.

Selbstständigkeit mal anders verstanden.

Ich hatte eine kleine, feine Vorahnung: Da kommt was auf dich zu. Aber ich war gewappnet, alle formalen Angelegenheiten waren erldigt oder in Bearbeitung, fachliche Unterstützung gab es auch, und ich hatte wenig zu verlieren. Also: nächste Station Selbstständigkeit.

Der Anfang

Der übliche Trubel am Anfang. Kontakte knüpfen, Aufträge akquirieren, herausfinden, was für einen selbst funktioniert und was nicht. Handeln statt Grübeln. Gar nicht so leicht manchmal. Ich erinnere mich noch daran, wie ich mein Telefon durch hypnotisches Anblicken dazu überreden wollte, die herausgesuchten Telefonnummern potentieller Neukontakte selbst zu wählen und das alles ohne mein Zutun zu erledigen. Wer mich kennt, kann sich das eher schwer vorstellen. Als auffällig kommunikative Person nicht telefonieren zu können, das hat schon was. Aber irgendwann klappte es doch und alles fing an zu laufen.

Gerade in der Anfangsphase wurde ich mit vielen gut gemeinten Hinweisen überhäuft, ebenso wie mit Sorgen und Ängsten. Der wohl berühmteste Spruch: Selbstständig ist man Selbst und ständig. Eigentlich impliziert das, dass man als Selbstständiger 24/7 arbeiten muss, weil das (Berufs-)Leben als Selbstständiger nun mal daraus besteht, dass man seine Träume zum Beruf macht und deshalb ununterbrochen arbeitet. Ich sehe das anders, aber dazu ein ander Mal.

Selbst. Ständig.

Was ich erst später an dieser Floskel verstand: Du bist Selbst, und das ständig. Als ich mich selbstständig gemacht habe, war ich von dem Moment an in einer Art mit mir Selbst, mit meinem Wesen konfrontiert, die ich bis dahin so intensiv nicht erlebt hatte. Es gibt hier mit Sicherheit unterschiedliche Typen, aber da mein Beruf sehr viel mit der Identität von Menschen zu tun hat, kommt es zwangsläufig zu einer Spiegelung des eigenen Selbst in dem Auseinandersetzen mit dem anderen. Das Selbst ist auf einmal im Fokus. Und das ständig. Eine Masse an Fragen entstand bei mir. Mache ich das richtig? (Eine Frage ohne Mehrwert, denn die Antwort darauf ist: ja und nein. Denn es ist egal, solange du etwas machst. Erst dann kann man sehen, ob die eine Idee für einen persönlich funktioniert oder eben nicht.) Werde ich erfolgreich sein? Wo finde ich passenden Kontakte? Hat er mich verstanden? Muss ich mich verstellen, um nicht zu auffällig zu sein? War das zu sehr ich gerade? Was habe ich gesagt, dass sie so reagiert? Wie kann ich das ändern? Was ist der nächste (kommunikative) Schritt? Wie bin ich? Wer bin ich? Puh! Und damit bin ich bei den existentiellen Fragen gelandet. Beim Selbst. Und dieses befindet sich nun dauerhaft in aktiviertem Status.

Meine große Aufmerksamkeit gegenüber kommunikativem Verhalten macht es manchmal spannend, manchmal aber auch schwer für mich, nicht alles auf mich persönlich zu beziehen. Man weiß, wo man steht, wenn man sieht, wie andere auf einen reagieren, wenn man ihnen etwas anbietet, was sie wollen oder was sie nicht wollen. Verkaufen kann viel über das Selbst erzählen. Jeder Kundenkontakt kann neue Aspekte des Selbst aufzeigen, mit denen man vorher nicht gerechnet hat.  Was das Gute an der Spiegelung durch Andere ist: Sie reagieren auf mein Verhalten in dem spezifischen Moment, nicht aber auf mein Selbst als philosophische Entität, auf mein Wesen, das ist, wenn man so will. Ich bekomme also ein direktes Feedback für mein Verhalten in der jeweiligen Situation und kann daraus lernen, auf gewisse Dinge noch mehr zu achten, an entscheidender Stelle nachzuhaken oder loszulassen. Ich kann daraus auch Konsequenzen für langfristig festgesetzte Verhaltens- oder Gedankenmuster ziehen. Aber eines bleibt den Anderen doch verschlossen: der Zugang zu meiner Person.

Die Grenze des Selbst

Diese Unterscheidung festzusetzen ist mitunter aufwendig und lang andauernd. Ich bin überzeugt, dass viele den Unterschied nicht erkennen oder bemerken zwischen der situativen Person und der untemporären Persönlichkeit. Deswegen rate ich auch nicht jedem Menschen, sich selbstständig zu machen. Wer jedoch ein Interesse oder ein unstillbares Bedürfnis daran hat, seine eigenen Grenzen und vor allem Weiten zu erfahren, wer weiterkommen möchte, wer sich selbst frei entfalten möchte in dem eigentlichen, unbedingten Wortsinn, wer bereit ist, Abenteuer und Risiko miteinander zu vereinbaren, wer sich in den Gegenwind stellt um sein eigenes Rückrat zu stärken, wer nach Niederlagen aufsteht und weitergeht, wer sein Selbst gleichsam fürchtet und sich darauf freut, der wird sich in der Selbstständigkeit vermutlich besser zurecht finden als in einem Angestelltenverhältnis. Das wichtige aus meiner Sicht ist: Wenn man erkennt oder erahnt, wer, wie, was man selbst ist, dann kann ich mich dagegen wehren und wie in einem Wasserstudel kräftezehrend herausschwimmen wollen oder ich kann mich annehmen und aus den scheinbaren Nöten kennzeichnende Tugenden werden lassen.

Ich würde gerne sagen: Ich habe das bereits hinter mir. Doch wir erinnern uns: Wir sind Selbst, und das ständig. Sich selbst zu sehen ist ein Prozess. Die Selbsterkenntnis ist jedoch, nach graecophilosphischem Ansatz, der notwendige Schritt zur Selbstverwirklichung.

„Du sollst der werden, der du bist“ (Nietzsche)

Sprachlich betrachtet hängen diese Begriffe – Selbsterkenntnis, Selbstverwirklichung, Selbstständigkeit – natürlich dadurch miteinander zusammen, dass sie das Selbst als Vorsilbe einbinden. Das Selbst steht am Anfang. Das Interessante an der Selbstständigkeit: Sie hat ja nicht nur mit einem ständigen Selbst zu tun (im Sinne einer Identität), sondern auch mit dem (festen) Stand, mit Beständigkeit, mit Sicherheit. Interessant hieran: In unserer Kultur gilt das Selbstständige als das Unstete, das Freie und damit das Unbeständige. Doch die Worte sagen uns etwas Anderes: Wer alle hinreichenden und notwendigen Kriterien erfüllt, wer sich in ständiger Auseinandersetzung mit seiner Umwelt zu dem geformt hat, der er/sie selbst ist, der wird sicher sein. Denn dann wissen wir: Es kann nichts passieren, egal, was kommt, innen wie außen. Das dauert zum Glück ein Leben lang.

 

Es hat ja niemand gesagt, dass es leicht wird.

Aber es ist möglich.

Arbeit, heute.

Veröffentlicht am 23. Januar 2013 Schreibe einen Kommentar

Eine Antwort auf den Artikel Effektives und effizientes Arbeiten

Arbeit als neues Hobby

Eines fällt mir immer wieder auf. Viele meiner privaten Termine werden abgesagt oder verschoben, weil jemand noch arbeiten muss oder doch länger in der Firma sitzt oder am Wochenende noch etwas abarbeiten möchte, damit die neue Woche nicht so voll beginnt. Ich merke das auch bei mir, manchmal. Dass ich denke: ach, am Sonntag hast du dafür Zeit. Und oh je, vormittags durch die Straßen bummeln zum Einkaufen? Darf ich das? Die anderen sitzen ja im Büro. Sollte ich wohl auch besser machen. (Um das vorweg zu nehmen: ich gehe trotzdem tagsüber, wenn es leer ist, einkaufen. Denn die Freiheit dazu tut mir gut. Und genau dieses Gefühl will ich mitnehmen, wenn ich wieder sichtbar arbeiten und denken muss.)

Was mich an dieser Einstellung immer mehr irritiert: Die Arbeit bestimmt unseren kompletten Alltag. Früher hieß es: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Gut, ich frage mich sowieso, warum das ein Widerspruch sein muss. Aber was passiert wohl, wenn nach der Arbeit vor der Arbeit ist? Wenn das Vernügen darin besteht, dass ich gerade noch ins Bett kriechen kann, um am nächsten Tag vor Sonnenaufgang wieder aufstehen zu müssen? Ich rede nicht von Managern oder der Bundeskanzlerin. DIE haben bestimmt ganz schön harte Tage. Obwohl Frau Merkel – so stelle ich mir das mal vor – bestimmt jeden Abend mit einem Lächeln einschläft und sich denkt: „Ok, Thema eins und zwei sind noch nicht durch, aber Heidewitzka, ich mache das, was mir am meisten Spaß und Zufriedenheit bereitet. Und ein bißchen toll finde ich es auch, dass ein paar sehr wichtige Menschen ein bißchen Angst vor mir haben. Ha!“ Und dann fällt sie in einen erholsamen Schlaf.

Aber, wie gesagt, es geht mir nicht um diese großen EntscheidungsträgerInnen, sondern um uns, um alle anderen. Wieso hat Arbeiten, Schuften, sich Verausgaben einen so hohen Stellenwert bei uns? Warum sind Rückenschmerzen und psychische Stressreaktionen unser neues Statussymbol?

Selbstverwirklichung als Maß aller Dinge

Bildungssysteme, Medienbilder, Politik, alle kreieren das Bild der „ehrlichen Arbeit“. Doch was genau heißt das? Wofür arbeiten wir? Leben wir um zu arbeiten oder arbeiten wir um zu leben? Machen wir das, was uns gefällt, zu unserem Beruf, sodass wir durch den damit erzeugten Spaß und die Energie dauerhaft erfüllt sind? Ich meine auch nicht einen Traumberuf, denn ich möchte lieber einen AusdemLeben-Beruf denn einen aus meinen Träumen (da kann ich nämlich unsichtbar werden, aber bisher ist mir das noch nie in der Realität geglückt).

Sie kennen vielleicht die Pyramide nach Maslows „Bedürfnishierarchie“? Von unten anfangend sind Gesellschaften darauf ausgelegt, dass jede Stufe erfüllt wird. Unsere Gesellschaft, die westliche, wohl genährte, steckt in der obersten Spitze. Die Selbstverwirklichung. Wir leben in relativ stabielen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen, das Individuum hat sich in den letzten 250 Jahren immer stärker entwickelt, Gleichberechtigung ist eine andauernde Bewegung, jetzt können wir uns ganz dem widmen, was wir eigentlich wollen. Der Haken: Jahrzehnte, vielleicht sogar schon jahrhundertelang wurde uns beigebracht, dass Selbstverwirklichung in der Arbeit zu finden sei und dass diese Arbeit hart sein muss.

Aber Selbstverwirklichung kann nicht durch bloßes Abarbeiten entstehen. Und eigentlich auch nicht in Yoga-Kursen wiederhergestellt werden, wenn im Rest des Alltags das Selbst ignoriert wird. Doch wie erreiche ich Selbstverwirklichung, wenn es gesellschaftlich nicht gerne gesehen wird, wenn man das macht, was man will und damit auch erfolgreich (was immer das für jede/n einzelnen heißen mag) sein möchte? Und woher weiß man eigentlich, was man machen möchte?

Zeit ist Geld. Gutes Arbeiten heißt Zeit haben

Die Wahrnehmung unseres Arbeitens führt uns also immer öfter existentiellen Fragen. Was heißt Arbeiten heute? Ist unsere Arbeit weniger anstrengend, weil wir nicht mit der Spitzhacke vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang hackend im Stollen stehen? Haben wir, generationell und erfolgswirtschaftlich betrachtet, dauerhaft und prinzipiell ein schlechtes Gewissen gegenüber denjenigen, die sich keinen Burnout leisten können?

Es stellen sich mehr Fragen als Antworten zu dem Thema. Doch eine Antwort habe ich für mich selbst definiert: Gutes Arbeiten heißt Zeit haben. Zeit für die Sache, Zeit für die intensive Auseinandersetzung, aber  vor allem Zeit für Dinge, die mir danach gut tun. Effektives Arbeiten geht, selbstempirisch betrachtet, einher mit effektivem Entspannen und Genießen, den ersten beiden Teilschritten der Selbstverwirklichung. Was das konkret heißt: Wann immer ich merke, dass es nicht weitergeht mit einem Gedanken, mit einer Situation oder wenn sich ein generelles Unwohlgefühl einstellt, dann die Selbstehrlichkeit zu besitzen und etwas für sich zu unternehmen. Und sei es das Wandern um den Block, sei es der Sprachkurs an der vhs.

Selbstverwirklichung in der Arbeit heißt für mich nicht, dass die Arbeit mein Leben bestimmt, sondern mein Leben die Arbeit als einen Teil des Ganzen integriert. Selbstverwirklichung heißt, den Mut zu haben, neue Wege zu gehen. Ob durch Verkürzung der Arbeitszeit oder Bündelung der Arbeitstage, ob durch innere und äußere Grenzen zwischen Arbeit und Sein, was immer es ist. Der Vorteil für unsere Spitzen-Gesellschaften ist doch der, dass wir die Möglichkeiten haben, Selbstverwirklichung in die Tat umzusetzen. Dass wir aber in vielen Fällen alles dafür geben, um unsere Fähigkeiten wegzupacken, also Wegleben oder Entkräften, ist eigentlich eine Tragödie und ein Schlag ins imaginäre Gesicht tieferer PyramidensitzerInnen.

Arbeit, heute.

Das heißt für mich: Arbeit, wie ich sie möchte. Unabhängig von Stundenkonventionen und unnötigen Zeitdrücken. Arbeit, heute heißt für mich auch:  Den Gegenstand der Arbeit und die damit verknüpften Menschen ernst nehmen, um mit jeder Arbeit ein Stück Verwirklichung zu erreichen.

So far.

amelie hauptstock

*hauptwort