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Monthly Archives: November 2012

Neuer Text: Die Ruhe nach dem Sturm

Veröffentlicht am 15. November 2012 Schreibe einen Kommentar

17.10.2012

Die Ruhe nach dem Sturm

Wenn mein Gesicht am nächsten Morgen warm und fiebrig ist, dann erinnert es mich an den Tag und die Nacht davor. Es erinnert mich an die Ruhe, an die sanften Worte, es erinnert mich an das gegenseitige Festhalten, an den langen Blick, an deine durchdringenden Augen.

Das war danach.

Die Ruhe nach dem Sturm.

Wenn mein Gesicht am nächsten Morgen warm und fiebrig ist, dann erinnert es mich an den Tag und die Nacht davor. Ich erinnere mich an die heißen Wangen und die Tränen, die zusammenhangslos und unaufhörlich meine Brille von innen besprenkelten und kleine Salzkrusten hinterließen. Daran, dass ich das Getöse in mir durch Schreien übertönen wollte. Und du standest genau vor mir und hast alles entgegengenommen. Denn du hattest große Ähnlichkeit mit meinem eigenen Schatten.

Wenn mein Gesicht am nächsten Morgen warm und fiebrig ist, dann erinnert es mich an den Tag und die Nacht davor. Immer und immer wieder.

Was sind uns die Geister wert?

In der FAZ las ich letztens eine erschreckende Nachricht: Das Einstiegsgehalt von MagisterstundentInnen liegt bei gerade einmal rund 2.600 Euro pro Monat und damit belegen sie den letzten Rang der nach Abschlussarten sortierten Gehaltsliste.

Ich bin schockiert! Selbst kurzzeitig Studierte haben uns geisteswissenschaftlich Ausgebildete überholt! Was sagt das über den Stellenwert von Kultur, Literatur, Philosophie, Kunstverständnis unserer Gesellschaft aus? Wie weit sind wir schon gekommen, wenn wir das, was keinen schnellen, sichtbaren, erkennbaren Wert bringt, so wenig wertschätzen? Was passiert mit Generationen an klugen, weltsichtigen Menschen, wenn ihnen dauerhaft vermittelt wird, sie stünden am untersten Ende der Gehaltskette? Ehrlich gesagt möchte ich mich damit gar nicht auseinandersetzen! Am Liebsten würde ich die Augen verschließen und sagen: Alles ist gut! Wir sind ein Land der Dichter und Denker, hier wird man noch in seinem Elfenbeiturm in Ruhe gelassen, hier kann man sich noch darauf verlassen, dass die ZuhörerInnen und LeserInnen und BesucherInnen am Ende der Show applaudieren. Hier ist die Geisteswelt noch in Ordnung.

Mitnichten!

Der Spiegel hat bereits vor drei Jahren bescheinigt, dass GeisteswissenschaflerInnen im Schnitt deutlich weniger verdienen. Gut, in den Führungsetagen sind alle wieder gleich, aber hier verhält es sich wie mit Frauen in Führungsetagen: Man trifft sie dort selten und wenn, dann bekommen sie dennoch weniger Gehalt als männliche oder in diesem Fall nichtgeisteswissenschaftliche Mitstreiter. Die Geisterquote für die Führungsetage? Das wäre nun wirklich zuviel verlangt!

Dennoch geben die statistischen Darstellungen einen Trend wieder, nämlich dass Kunst, Kultur und Angrenzendes einen ideelen Wert hat, der nicht ins Finanzielle umgesetzt wird. Schreiben können ist nicht so viel wert wie eine Maschine bedienen zu können. Reden zu können, gesellschaftliche Zusammehänge erkennen, verstehen, analysieren und verständlich einer breiten Masse zur Verfügung stellen zu können, das ist nicht so viel wert wie das Analysieren von Teilchen. Warum eigentlich nicht? Warum darf ein guter Text nicht genauso gut bezahlt werden? Warum quälen wir uns mit einem Selbstbild, das suggeriert „es sein nun mal so in der Branche“? Warum lehnen wir uns nicht dagegen auf? Warum werden wir nicht wütend?

Ich bin wütend! Und ich rege mich darüber auf und ich lehne mich auch dagegen auf. Ich bin noch nicht am Ende meiner Fähigkeiten angekommen und ich habe noch viel zu lernen, aber ich habe einen Wert, und ich erschaffe Wert. Ich erschaffe Welten mit Worten. Jeder kann schreiben. Ja, aber nicht jeder kann so schreiben wie wir Schreiberlinge. Jeder kann ein Bild angucken. Ja, aber nicht jeder kann die Details erkennen und sie benennen und sie zuordnen und dadurch dem Werk Sinn geben.

Denn das ist unsere Aufgabe: Wir geben der Welt einen zusammenhängenden, übertragbaren Sinn! Wenn das nicht wertzuschätzen ist, dann wird es irgendwann vielleicht keine GeisteswissenschaftlerInnen, sondern nur noch Geister in den Straßen und Cafés und Ohrensesseln und Diskussionsrunden geben. Vielleicht verschwinden dann von der Bildfläche. Vielleicht wird dann klar, wie wichtig Menschen sind, die allgemeinen Sinn herstellen.

Der Link zum FAZ-Artikel: hier